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JEREMY

VOR DEM ABSCHIED

Das Schwerste am Abschied nehmen ist, dass man es ständig aufs Neue tun muss. Jeden Tag werden wir aufs Neue mit derselben Wahrheit konfrontiert: Das Leben ist vergänglich, die Zeit viel zu kurz.

John fährt in den Herbstferien mit seinen Großeltern an die Ostsee. Dort wollen sie gemeinsam auf einem kleinen Schiff fischen. Dass John Meerestiere hasst, behält er aus Liebe zu seinem Opa für sich. Sie übernachten in einem kleinen Hotel, und John erlebt tagtäglich das Gleiche. Nach einigen Tagen bittet er darum, im Hotel bleiben zu können. Sein Großvater ist alles andere als begeistert, doch erlaubt er es. Und als John denkt, dass es nicht mehr langweiliger werden könnte, lernt er den charmanten Jeremy kennen.

JEREMY: Vor dem Abschied

"*Seufz...* ich muss ich erstmal erholen. Dieses Buch ist auf eine so wunderbare Art romantisch, dass ich richtig ins Träumen geraten bin. Für mich hätte die Geschichte um Jeremy und John noch ewig weitergehen können. Trotz der Romantik gibt es in dieser Story keinen Kitsch, das gesamte Geschehen wirkt sehr realitätsnah und könnte jedem so passiert sein, dadurch habe ich mich sehr gut hineinversetzen können. Sicher hat dazu auch der angenehme, flüssige Schreibstil beigetragen, den man hervorragend lesen kann und der mich regelrecht an das Geschehen gefesselt hat. Aber auch eine tiefere Botschaft kommt in dieser Geschichte zum Tragen, dass Geld und Besitz nicht alles ist und dass Freundschaft das Wichtigste im Leben ist, diese Botschaft wurde sehr gut in die Geschichte eingearbeitet und passt auch sehr gut zur Handlung. 
Alles in allem ein tolles Buch, das mich zum Träumen gebracht hat."

(Rezensentin auf Lovelybooks)

Daten & Fakten:

- Erstveröffentlichung: November 2013
- Korrektorat: L. Franke
- Originaltitel: "Vor dem Abschied"
- Preis: 3,99 Euro (E-Book) / 12,90 Euro (Buch)

Realitätsgetreu

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Biografisch

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Sex

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Liebe / Gefühle

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   Wie froh ich doch war, dass endlich die Herbstferien begannen. Tja, dumm nur, dass ich diese ausgerechnet mit meinen Großeltern – irgendwo an der Ostsee – verbringen musste. Ja, genau: musste! Meine Alte zwang mich regelrecht dazu, zu zusagen. Ich hätte meine Mutter schlagen können. Nicht, dass ich das schon jemals getan hätte, aber als sie mir regelrecht befahl, ich müsse dorthin, wären mir fast die Sicherungen durchgebrannt. Nichts gegen Opa und Oma, aber ich war 16 und konnte mir echt Schöneres vorstellen, als mit ihnen eine Woche am Arsch der Welt zu verbringen.
   „Du fährst mit ihnen, Punkt!“ Deutlicher hätte Mutter es nicht ausdrücken können. Sie machte auf dem Absatz kehrt.
Brummend ging ich in mein Zimmer und knallte die Tür unabsichtlich laut zu. Es schepperte, und Mutter brüllte sofort wütend meinen Namen: „John!“
   „Entschuldigung!“, gab ich im gleichen Tonfall zurück und hockte mich auf mein Hochbett. Ich strich mit den Fingern durch mein mittellanges, braunes Haar und ließ den Kopf hängen.
 
                                                                    ♂♂
 
   „Christina!“, vernahm ich die erfreute Stimme meines Opas Bernd. „Wie geht es dir?“
   „Papa!“, sagte Mama. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie sie sich an der Tür begrüßten. Taten so, als seien sie total überrascht und fielen einander dann in die Arme.
   „Na, du?“, hörte ich nun auch Berta, die Zweitfrau meines Großvaters. „Lass dich drücken, mein Kind!“
   Die Tür fiel ins Schloss. Das war wohl mein Stichwort, um mich von meinem Bett zu erheben und die beiden ebenfalls freudestrahlend willkommen zu heißen. Eigentlich hatte ich ja keine Lust, aber es musste ja sein. Ich atmete tief durch und öffnete meine Zimmertür.
   „Wo ist denn unser John?“, hörte ich Opa fragen.
   „Ich bin hier“, sagte ich mit einem Winken und setzte ein fröhliches Gesicht auf.
   „Ach …“, meinte er, schaute kurz zu Boden und kam dann hocherfreut auf mich zu. „Mein Enkel!“ Opa herzte mich mit all seiner Kraft und schlug mir mehrfach kameradschaftlich auf den Rücken. „Wie geht es dir?“, wollte er wissen, als er mich losließ.
   „Mir geht es gut, und dir?“, lächelte ich und blinzelte kurz zu Berta, die einen ganzen Kopf kleiner war als ich. Dabei war ich gerade mal 170 cm groß – oder klein, wie man es sieht.
   „Ja, mir geht es super!“ Bernd war ganz hibbelig. „Ich freue mich so sehr …“, schwafelte er erfreut, während Oma mich an sich drückte, „dass du mit uns nach Großenbrode fährst!“
   „Na, mein Kind“, grinste Berta und blickte zu mir hoch. „Wirst auch immer größer, wa?“ Natürlich schielte sie – wie immer – ganz unauffällig auf meine Augen, die ich seit geraumer Zeit mit Kajal betonte.
   „Oder du immer kleiner“, neckte ich sie unbarmherzig. Von ihrem abfälligen Blick ließ ich mich nicht beirren.
   Sie spitzte die Lippen und schlug gutmütig die Hand gegen meine Brust.    „Kommt halt mit dem Alter“, behauptete sie, dabei war sie schon immer so winzig gewesen. „Und, freust du dich?“
   „Aber klar doch“, log ich gekonnt und nickte beschwingt.
   „Ach, mein Enkel.“ Opa legte einen Arm um mich. „Du weißt ja gar nicht, wie sehr ich mich freue, dass du mit uns kommst.“
   Ich presste die Lippen aufeinander und versuchte, die Mundwinkel anzuheben.   Es fiel mir ehrlich gesagt ziemlich schwer, ein natürliches Lächeln hinzubekommen.
   „Gepackt haben wir auch schon alles“, warf Mama ein.
   „Ach, Kind“, tadelte Oma, „lass uns doch erst einmal Platz nehmen und eine rauchen.“
   Immer diese Raucher, dachte ich und spürte, wie die Muskeln um meinen Mund herum zu zucken begannen. Ich lachte echt zu wenig.
   „Setz dich!“, forderte Opa forsch. Obwohl er es eigentlich lieb meinte, war sein Ton manchmal echt bestimmend.
   „Aber klar doch.“ Ich ließ mich neben ihm nieder. Sofort legte er wieder seinen Arm um meine Schultern. Sein Parfum war echt dick aufgetragen. Den Duft, den er an sich hatte, kannte ich schon seit meiner Kindheit. Schon immer hatte Opa das gleiche Parfum benutzt – Opium (zumindest soweit ich mich erinnern kann). Da war er wie Oma, deren Duft mich manchmal echt umhaute. Ich selbst blieb lieber bei dem natürlichen Aroma. Bis auf Deo unter die Achseln und den Geruch frisch gewaschener Kleidung kam mir nichts auf den Körper. Okay, Duschzeug und Shampoo riechen auch, aber ich übertrieb es einfach nicht. Um ehrlich zu sein, dachte ich nie über Parfums nach. Unnötige Geldausgeberei. Lieber kaufte ich mir etwas Süßes oder neue Kleider.
   „Und, freust dich schon?“, fragte Oma mit höhnischem Unterton. Ob sie wohl ahnte, dass ich keine wirkliche Lust hatte?
   „Ja, und wie“, schwindelte ich, ohne rot zu werden. „Wie lange fahren wir noch mal?“ Nicht, dass ich es nicht schon gewusst hätte, aber es hätte ja sein können, dass ich mich verhört hatte.
   „Wenn die Autobahnen frei sind“, klärte Opa mich auf, „dann gebe ich Vollgas, und wir sind in weniger als vier Stunden da!“
   Wow, dachte ich und starrte für einen Moment nach vorn. „Das wird lustig“, nuschelte ich.
   „Ab und zu“, plapperte Berta, „machen wir dann auch eine Pause und essen was.“
   „Und rauchen“, fügte Opa hinzu. Er wandte sich an mich. „Du rauchst nicht?“
   „Quatsch!“, übernahm Mama das Wort.
   „John raucht doch nicht“, schwafelte Oma.
   „Hätte ja sein können!“, meinte er, wobei er seine Frau ansah. „Kann doch sein.“
   „Ach, Papa“, schmunzelte Mutter. „Der ist doch erst 16!“
   Sagte ich schon, dass ich Familientreffen hasse? Jeder labert und labert, und man weiß nie, wer gerade wirklich etwas von sich gibt. Auf Weihnachtsfeiern ist das besonders schlimm. Man wird mit Wörtern bombardiert und schwatzt mit zehn Leuten gleichzeitig. Irgendwann verliert man dann den Überblick. Ist echt toll, besonders, wenn man der einzige Enkel seiner Großeltern ist und die zig Tanten sich weigern, ein Baby zu werfen. Mama wollte auch nur ein Kind – traurig. Wenn die gewusst hätten, dass ich nichts für Mädels übrig habe, dann wären die doch allesamt an einem Herzinfarkt gestorben oder sofort aufs Zimmer gegangen, um ein paar schreiende Wesen zu zeugen.
   Oma schaute kurz zu mir, dann zu Boden und versuchte, ihre Frage freundlich und auf keinen Fall abfällig zu stellen. Das tat sie immer. Erst überlegen und dann blöd fragen. „Du sag mal …“, fing sie an und sah mir wieder einmal kurz in die Augen. Sie deutete mit den Händen auf ihr Gesicht und meinte damit wahrscheinlich ihre Augen. „Ist das nicht ein bisschen viel?“
In diesem Moment hätte ich sie ohrfeigen können. Gerade, als ich ihr antworten wollte, übernahm Opa das Wort.
   „Ach, quatsch doch nicht immer so einen Mist, Weib!“
   Erschrocken sah sie ihn an. „Was denn?“
   „Ja, nicht, was denn?! Dass ihr Frauen immer stänkern müsst.“
   „Ich wollte doch gar nicht …“
   „Ja, ja!“, laberte er ihr dazwischen. „Du willst ja nie etwas.“
   Glaubt mir, in diesem Augenblick wünschte ich mir, unsichtbar zu sein. Mama sah grüblerisch zu mir.
   „Ach, Weib!“, meckerte Opa weiter.
   „Du weißt doch gar nicht, was ich sagen wollte!“, konterte Oma.
   Mamas Stirn runzelte sich, als sie mich angaffte. „Ist echt ein bisschen viel.“
   Sofort guckte Oma zu ihr. „Sag ich doch. Das ist genau das, was ich sagen wollte. Es ist einfach zu viel.“
   Opa starrte auf den Tisch und schien in Gedanken versunken, während ich einfach nur dasaß und versuchte, nichts Unfreundliches von mir zu geben.
   „Kannst es ruhig abwischen“, forderte Mama mich mit einem ernsten Blick auf.
   „Na, nicht abwischen“, verneinte Oma. „Ich finde nur, dass es ein bisschen viel ist.“
   „Wovon redet ihr überhaupt?“, wollte Opa nun endlich wissen.
   „Na, von seinen Augen und dem vielen Kajal“, klärte Berta ihn auf.
   Verwirrt sah Opa mich an und kam dann mit seinem Gesicht dem meinem immer näher. Aus heiterem Himmel begann er, zu lachen. „Was hast du denn da unter den Augen?“, fragte er mich neckisch.
   Ich spürte, wie mein Blutdruck anstieg, mein Gesicht immer wärmer wurde und sich langsam aber sicher Wuttränen bemerkbar machten. Natürlich unterdrückte ich sie und blieb, soweit es mir möglich war, gelassen. „Das ist trendy“, gab ich zurück und zuckte – gespielt selbstbewusst – mit den Schultern.
   „Trend hin oder her“, laberte Oma. „Ist wirklich ein bisschen viel.“
   „Kannst es ruhig abmachen“, wiederholte Mama anordnend.
   „Ja, ist ja gut“, fluchte ich und begab mich ins Badezimmer. Die Wand hätte ich ankotzen können, so wütend war ich. „Mach dies, mach jenes!“, schimpfte ich leise und wusch mir den Kajal ab. Aus Trotz zog ich mir einen neuen Lidstrich. Nur nicht ganz so dick. Dabei fand ich gar nicht, dass er vorher dick gewesen war. Emos haben meist einen dicken Lidstrich, ich nicht. Aber ja nicht auffallen und immer schön männlich bleiben. Ts. Scheiß-Gesellschaft. Sollen die doch mal anfangen, ihre eigenen Scheiß-Fehler zu korrigieren, anstatt immer – angebliche – Fehler bei anderen zu suchen. Die mit ihrem Glauben an Gott und Scheiß-die-Wand an. Ja, als Teenager ist man oft gereizt. In diesem Moment war ich es besonders, doch das legte sich wenige Minuten später wieder. Waren halt meine Hormone, konnte ich auch nicht ändern.

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